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Auszug aller ‚Ausländer‘

24. Dezember 2015 von

nach Helmut Wöllenstein, bearbeitet von Ulrich Koring

Kurz vor Weihnachten war es. Über den Marktplatz der Stadt gingen ein paar Männer, blieben an der Kirche stehen und sprühten auf die Mauer die Worte „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“.

Steine flogen ins Fenster des türkischen Ladens, dann zog die Horde ab. Die Gardinen an den Fenstern der Bürgerhäuser waren schnell wieder zugefallen. Niemand hatte etwas gesehen.

„Auf, wir gehen zurück.“ „Und dann? Wer wird uns kaufen?“ „In unsrer Heimat braucht man uns auch. Wir tun, was da steht: ‚Ausländer raus‘!“

In der Nacht kam Bewegung in die Stadt. Die Türen der Geschäfte sprangen auf. Heraus hüpften die Kakaopäckchen, die Schokoladen und Pralinen: in ihrer Weihnachtsverkleidung kehrten sie zurück nach Ghana und Westafrika; der Kaffee, der Deutschen Lieblingsgetränk, nahm den erstbesten Flug nach Uganda, Kenia oder Ecuador.

Ananas und Bananen eilten zum Hafen, um ihre Heimreise nach Venezuela in großen Containerschiffen anzutreten. Trauben und Erdbeeren machten sich auf den Weg nach Südafrika.

Viele Weihnachtsleckereien brachen auf: Pfeffernüsse, Spekulatius und Zimtsterne, die Gewürze aus ihrem Inneren zog es nach Indien.

Der Christstollen zögerte. Tränen quollen aus seinen Rosinenaugen, als er zugab: Mischlingen wie mir geht’s besonders schlecht. Mit ihm zogen sich das Lübecker Marzipan und der Nürnberger Lebkuchen zurück.

Nicht Qualität, nur Herkunft zählte. Früh morgens brachen die Schnittblumen nach Kolumbien auf. Pelze, Gold und Edelsteine sammelten sich, um in ihre Herkunftsländer zu fliegen.

Lange Schlangen japanischer Autos, vollgestopft mit Optik und Unterhaltungselektronik, krochen gen Osten.

Am Himmel sah man die Weihnachtsgänse nach Polen fliegen, gefolgt von den Seidenhemden und Teppichen aus dem fernen Asien.

Mit Krachen lösten sich die tropischen Hölzer aus den Fensterrahmen und schwirrten ins Amazonasbecken.

Am nächsten Tag stand der Autoverkehr still, denn den Tankstellen mangelte es an Öl und Benzin, dieses floss in breiten Bächen in Richtung Naher Osten.

Wozu ausländisches Öl? Stolz holten die deutschen Autofirmen ihre Krisenpläne aus den Schubladen: „mobil mit dem Holzvergaser.“

Doch die VW’s und BMW’s begannen sich aufzulösen in ihre Einzelteile, das Aluminium wanderte nach Jamaika, das Kupfer nach Somalia, ein Drittel der Eisenteile nach Brasilien, der Kautschuk und das Koltan erinnerten sich, dass sie aus dem Kongo stammten.

Nach drei Tagen war der Auszug geschafft, gerade rechtzeitig zum Weihnachtsfest. Nichts Ausländisches war mehr im Land. Aber Tannenbäume gab es noch, auch Äpfel und Nüsse.

Und „Stille Nacht“ durfte gesungen werden – allerdings nur mit Extragenehmigung, denn das Lied kam aus Österreich!

Nur eines wollte nicht in das Bild passen: das Kind in der Krippe, sowie Maria und Josef waren geblieben – ausgerechnet drei Juden!

Wir bleiben“, hatte Maria gesagt, denn wenn wir auch fortgehen, wer will ihnen dann noch den Weg zeigen – den Weg zur Vernunft und zur Menschlichkeit?

 

Dazu eine Nachüberlegung

 

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