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Alt und für nichts mehr zu gebrauchen

17. Februar 2014 von

Nicht mal mehr waschen kann ich mich alleine.
Jeden Tag warte ich, bis jemand Zeit hat mich zu waschen,
weil man ja spart, als erstes an den Menschen, die zu nichts mehr nütze sind, so wie ich. Ja, nutzlos, abgeschoben und einsam.

Ich warte, ja, das ist wohl jetzt mein Leben. Ich warte, ich warte darauf, aufstehen zu dürfen, essen zu dürfen, und manchmal warte ich so lange, bis mir jemand helfen kann auf die Toilette zu gehen, dass es in die Hose geht. Ich sitze und warte. Auf ein Gespräch, auf liebe Worte.
Ich, die früher gerne ständig in Bewegung war und alles selbst gemacht hat, ich warte.
Ich warte auf Besuch, ich warte auf den Arzt, dass er mal nachschaut, wo die Schmerzen herkommen.
Ich warte , ja auf was warte ich denn eigentlich noch?

Alle reden mit mir, als wäre ich ein kleines Kind. Dabei könnte ich euch soviel erzählen, vom Leben und seinen Widrigkeiten, seinen schlechten und seinen schönen Seiten. Vom Leben, das ihr zum großen Teil noch zu Leben habt. Ja ich bin alt, und ja, nun falle ich vielleicht dem System zur Last und euch armen Pflegekräften, die ihr viel zu wenig seid und viel zu viel zu tun habt.

Dafür habe ich aber mein Leben lang, ohne zu murren Kinder groß gezogen, gearbeitet und gelebt, reicht das nicht? Ich habe Sachen erlebt, die euch zum Glück erspart bleiben.
Nun sitze ich hier und warte. Ich möchte nicht klagen, ich habe zu essen, saubere Kleidung und ein Bett, und dafür, dass ich meine Medikamente nehme, ist auch gesorgt. Es könnte schlimmer sein. Viel schlimmer.

Trotzdem, irgendwas fehlt. Es gäbe noch so viel zu erzählen, und so viel, was ich trotz meines Alters noch tun könnte. Ich will mich als Mensch fühlen, und nicht als jemand, der euch eure Zeit oder euer Geld stiehlt.

Ich warte. Das Warten ist fast unerträglich und macht mich müde und kraftlos, und manchmal auch ungerecht und verbittert.
Zur Untätigkeit verbannt, angewiesen sein auf die Fürsorge von fremden Menschen, und dabei so dankbar zu sein für jedes liebe Wort und jedes bisschen mehr Zeit für mich, ist ein seltsames Gefühl, war das doch, als ich noch nicht alt war, ganz selbstverständlich.
So habe ich mir das „Alt sein“ nicht vorgestellt.

Die Schwestern und Pfleger tun mir leid, die geben ihr Bestes und sehen dabei aus, als bräuchten sie selbst bald Pflege.
Es wäre schön, wenn es mehr Personal geben würde, das dann auch mal Zeit hätte für uns, aber das kostet wahrscheinlich zu viel Geld, welches man für uns „alte“ nicht mehr ausgeben möchte. Lohnt sich nicht. Wir „bringen“ ja nichts mehr für unsere Gesellschaft. Statt dessen wechselt das Personal so schnell. Kaum hat man sich an einen gewöhnt, ist er oder sie schon wieder weg. Kann ich verstehen, die werden auch kaputtgespart und krankgemacht in dem Beruf.

Und so sitze ich hier und warte…………warte, dass ich hoffentlich nicht mehr lange warten und erdulden muss.

Text: Tania Zimmer / 2014

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